Im neuen Kindergarten Hintere Matten Ost am Gempenweg sieht es plötzlich ganz anders aus.

Wo sind denn all die vielen Spielsachen, die sonst diesen Ort ausmachen?

Die Kindergartenlehrperson hat eine Weiterbildung in Aarau zum spielzeugfreien Kindergarten besucht und führt nun dieses Projekt seit drei Monaten mit den Kindern durch, unterstützt vom Kindergartenteam. Die Eltern wurden an einem Abend detailliert informiert und ein entsprechendes Bilderbuch führte die Kinder ins Thema ein.

Anfang Jahr durften die Kindsgikinder selbst entscheiden, was wann wegfährt und auch selbst mit einpacken. Sie waren voll Eifer mit dabei. Dann fuhren oder flogen die Sachen in die Ferien (sie wurden an einem sicheren Ort gelagert).

Und womit spielten die Kinder nun den ganzen lieben langen Tag?

…mit Tischen, Stühlen, Raumteilern, Matten, Tüchern, Kissen, Seilen und Klämmerli. Verschiedene Bauklötze durften auch bleiben. Stifte, Papier und Leim gab es nur auf Anfrage, wenn dies für das Spiel nötig war, beispielsweise um Tickets, Beschriftung oder Geld zu malen.

Über die Wochen wurden vor allem Hütten und Höhlen gebaut. Alle Kinder bewegten sich viel mehr in den grossen Räumen. Vom Tisch runterspringen oder mit dem Kissen als Töff rumsausen war sehr beliebt.

Wann sie wo Znüni essen und Pause draussen machen, war auch den Kindern überlassen. Da wurden die schönsten Plätzchen ausgesucht und es wurde ausgiebig geschlemmt.

Über alle zehn Wochen hinweg wurde mehr diskutiert als sonst und so verbesserte sich die Sprachentwicklung sehr, insbesondere auch die der fremdsprachigen Kinder. Schüchterne Kinder kamen viel mehr aus sich heraus, weil sie fürs Spielen in Kontakt mit andern treten mussten.

Gründe

Aber warum macht man das, fragt man sich vielleicht?
Es ist Suchtprävention!

Die Kinder erhalten dabei viel mehr Raum und Zeit, Dinge selbst zu machen. Nicht die Lehrperson und das Spielmaterial geben vor, was man wo und mit wem spielt, sondern die Kinder selber: Sie bekommen Autonomie; sie lernen mehr, sich zu spüren, Bedürfnisse und Gefühle wahrzunehmen und auch Konflikte zu lösen; sie können Kontakt aufnehmen oder alleine ihre Ideen und Phantasie fürs Spiel nutzen. Manchmal müssen auch Probleme gelöst werden. Ziele setzen und Neues lernen ist ein Grundbedürfnis: Das führt zu einem hohen Selbstwertgefühl und lehrt wertvolle Lebenskompetenzen. Wer belastungsfähig ist und gute Lebenskompetenzen besitzt, greift später weniger zu scheinbaren Problemlösern oder zu Problemvermeidung wie Mobbing, PC-Gamen oder Drogen.
Lebenskompetenzen stärken ist suchtpräventiv.

Ein interessantes, dreiminütiges Video vom Kurs kann man online ansehen

Probleme wurden gemeinsam ausdiskutiert

Konnten Konflikte zwischen den Parteien nicht gelöst werden, durfte das Kind auf einen speziellen «goldenen Stuhl» sitzen und eine Glocke läuten, bis alle Kinder kamen. Dann wurde der Konflikt beschrieben und alle suchten gemeinsam eine Lösung. Es wurde dabei verhandelt, nachgegeben, nochmals eine Chance gegeben oder auch eine unkonventionelle Lösungsidee umgesetzt. Beispielsweise durfte einmal der Gewinner beim Seilziehen entscheiden, was gemacht wird!

Dieser «goldene Stuhl» soll auch in Zukunft im Einsatz bleiben.

Die Lehrpersonen beobachteten aktiv, aber zurückhaltend, und unterstützten, wo nötig. Sie achteten auf die Sicherheit der Kinder und die Sorgfalt zum Material. An die Einhaltung der abgemachten Regeln musste doch immer wieder erinnert werden.

Veränderung innerhalb des Projektes

Auch das Spielverhalten und die Gruppendynamik änderten sich im Laufe des Projektes. Plötzlich spielten andere Kinder zusammen und veränderten ihre Hütten und «Bewegungsbaustellen». Manchmal wurden auch Freundschaftskämpfli gemacht.
Ja, es war manchmal laut und lebendig, dann wieder ruhiger, wenn die Kinder assen, sassen und plauderten. Eine alte Blechbadewanne mit Kirschsteinen an einem ruhigen Platz bot den Kindern einen Rückzugsort.

Am Ende jedes Vormittages sassen die Kinder und die Lehrperson zusammen, sangen ein Lied und alle teilten ihre Befindlichkeit mittels fünf Smileys mit. Die Kinder waren fröhlich oder wütend, traurig oder ängstlich oder einfach glücklich. Sie hatten «Sternmomente», «Herzensmomente», «Highlights», …? Sie erzählten oder malten das, was besonders toll war.

In der zweitletzten Woche schickten die Spielsachen sogar eine Postkarte an jedes Kind. Die älteren Kinder waren da etwas skeptisch, wie das gehen soll: Lego, Autöli und Bäbis am Strand oder im Schnee? Und wie können die denn Schreiben? Die jüngeren Kinder hingegen waren entzückt und konnten sich das gut vorstellen: ja, das magische Denken ist da noch vorhanden. (Ehrlich gesagt, so viele Karten habe ich schon lange nicht mehr geschrieben!)

Nun geht das Projekt zu Ende und mit knapper Mehrheit 9:7 wollten die Kinder schon einige Spielsachen vor den Ferien zurück. So reisten Lego, Spiele und Dinos wieder zurück, der Basteltisch war wieder bereit zum Gestalten.

Die Eltern waren so freundlich und füllten einen Auswertungsbogen aus, da leider kein Elternabend stattfinden konnte. Das Echo war sehr positiv.

Ich möchte allen Kindern zum Erfolg des Projektes gratulieren, ich bin stolz auf sie! Für die Unterstützung danke ich allen Eltern und dem Kindergartenteam: meiner Stellenpartnerin, der Deutschlehrerin und der Assistentin. Ohne sie hätte ich das Projekt nicht realisieren können. Sie sind den Kindern und mir im Unterricht zur Seite gestanden. Es war immer wieder eine Herausforderung und alles andere als «Nichtstun». Ich merkte, wie sich bei dieser Art des Unterrichts noch mehr die Klassendynamik zeigt und ich lernte die Kinder beim Beobachten noch besser kennen.

Da ich von der Wirksamkeit überzeugt bin, wiederhole ich dieses Projekt vermutlich regelmässig alle 1-2 Jahre.

 

Patricia Wisson, Kindergartenlehrperson Hintere Matten Ost

 

Übrigens: 2021 findet zum ersten Mal auch ein Online – Offline  Kurs Spielzeugfreier Kindergarten Baselland statt. Interessiert?